Ordnungspolitik im digitalen Zeitalter Dankesrede anl?sslich der Verleihung der Walter-Eucken-Medaille

30.01.2020 | Freiburg i. Br. | Jens Weidmann EN

1 Einleitung und Danksagung

Meine sehr geehrten Damen und Herren,
lieber Herr Professor Feld,

ich danke Ihnen für die überaus freundlichen Worte, die Sie für mich und meine Arbeit gefunden haben. Ebenso danke ich dem Walter Eucken Institut und dem Aktionskreis Freiburger Schule. Ich freue mich sehr über die Zuerkennung der Walter-Eucken-Medaille.

Aber man k?nnte durchaus den Eindruck gewinnen, dass ich mich auch redlich darum bemüht h?tte. So oft wie Walter Eucken habe ich vermutlich keinen zweiten ?konomen zitiert: ?Wer den Nutzen hat, mu? auch den Schaden tragen.“[1]

Mehr als zwei Dutzend Mal habe ich diesen kurzen Satz aus Euckens Grunds?tzen der Wirtschaftspolitik bereits in ?ffentlichen Reden angeführt. Aber besser l?sst sich das Haftungsprinzip auch nicht auf den Punkt bringen. Meine Wertsch?tzung für die Freiburger Schule geht freilich weit darüber hinaus.

2 Der ordnungspolitische Kompass

Die von Eucken und seinen Mitstreitern aufgestellten Prinzipien sind in wirtschaftspolitischen Debatten so hilfreich und wertvoll wie ein Kompass: Sie geben Orientierung und zeigen uns die richtige Richtung. Genaue Wegbeschreibungen liefern sie aber nicht.

Das erw?hnte Haftungsprinzip ist für mich der Kompass, wenn es um die Zukunft der W?hrungsunion geht: ?Wenn Handeln und Haften in einer Hand liegen, sind wir auf dem richtigen Weg. Fallen sie dagegen auseinander, geht es in die falsche Richtung. Denn dann entstehen Fehlanreize, und die machen den Euroraum krisenanf?llig.

Deswegen befürworte ich Reformvorschl?ge, die Handeln und Haften vereinen. Und warne vor Vorschl?gen, bei denen diese Bedingung nicht erfüllt ist. Gemeinschaftliche Haftung ist damit keineswegs ausgeschlossen. Im Gegenteil: Eine echte Fiskalunion ist eine Option, um die Stabilit?t des Euroraums dauerhaft zu sichern.

Wenn auf europ?ischer Ebene gehaftet wird, müssen aber konsequenterweise auch die Handlungsm?glichkeiten auf die europ?ische Ebene übertragen werden. Die Bereitschaft der Mitgliedstaaten zu diesem Souver?nit?tsverzicht, also zur Einschr?nkung des nationalen Handlungsspielraums, fehlt jedoch oft. Das zeigt sich bereits bei der Einhaltung der europ?ischen Haushaltsregeln. Sie sollen auf solide Staatsfinanzen hinwirken und so dazu beitragen, die erreichte Integration zu sichern. Es fehlt ihnen aber leider an Biss.

Auch in der Geldpolitik weist der ordnungspolitische Kompass die grundlegende Richtung. Eucken sprach vom ?Primat der W?hrungspolitik“ – also vom Vorrang, den eine Politik des stabilen Geldes genie?en muss. In diesem Zusammenhang zitiert er den berühmten Satz Lenins: ?Um die bürgerliche Gesellschaft zu zerst?ren, mu? man ihr Geldwesen verwüsten.“

Walter Eucken hat die gro?en Katastrophen der deutschen W?hrungsgeschichte pers?nlich miterlebt: die Hyperinflation, die Weltwirtschaftskrise und die ?gestaute Inflation“ der Kriegsjahre. Er wusste daher nur zu gut, dass eine funktionierende Wettbewerbsordnung stabiles Geld voraussetzt.[2] Denn nur dann k?nnen Preissignale eine Wirtschaft effizient steuern.

Zugleich wusste Eucken um die Gefahr der Vereinnahmung der Notenbanken durch die Politik. In seinen Grunds?tzen warnte er: ?So haben z.B. die Staaten selbst oft ein erhebliches Interesse daran, den Zins zu drücken, um die Verzinsung der Staatsschuld niedrig zu halten. Und zwar auch dann, wenn zur Vermeidung einer Inflation eine Zinserh?hung notwendig w?re.“[3]

Ich vermute, dass Walter Eucken meine Bedenken gegen die umfangreichen K?ufe von Staatsanleihen durch das Eurosystem teilen würde. Denn genau darin sehe ich deren Gefahr: dass die Geldpolitik ins Schlepptau der Fiskalpolitik ger?t.

Primat der W?hrungspolitik hei?t für mich, dass Geldwertstabilit?t das vorrangige Ziel der Geldpolitik sein sollte. So sehen es die Europ?ischen Vertr?ge – unser Mandat – auch vor.

Generell gilt: Wer die Notenbanken mit Aufgaben und Verantwortung überh?uft, l?uft Gefahr, sie zu überfrachten. Er l?uft auch Gefahr, Macht in den H?nden von Technokraten zu ballen. Für manche mag es verlockend erscheinen, Aufgaben unabh?ngigen Notenbanken anzuvertrauen. Das langwierige Suchen und Finden von Kompromissen in Parlamenten k?nnte so umgangen werden.

Doch gerade das macht deutlich: Die Unabh?ngigkeit einer ?ffentlichen Institution ist eigentlich ein Fremdk?rper in unserer Demokratie. Sie wurde den Notenbanken als Lehre aus den Inflationserfahrungen der 1970er Jahre bewusst als Ausnahme gew?hrt, um Preisstabilit?t zu sichern.

Eine weite Auslegung unseres geldpolitischen Mandats würde letztlich die Unabh?ngigkeit infrage stellen, und zwar v?llig zu Recht aus meiner Sicht. Unabh?ngigkeit und enge Auslegung des Mandats geh?ren zusammen.

Insofern bin ich skeptisch, wenn etwa gefordert wird, die Geldpolitik in den Dienst aktiver Klimapolitik zu stellen. Gleichwohl k?nnen wir im Rahmen unseres Mandats den Wandel zu einem nachhaltigeren Finanzsystem unterstützen und begleiten.

Wir müssen etwa als Bankenaufseher darauf achten, dass die Banken finanzielle Risiken aus dem Klimawandel und dem übergang zu einer grüneren Wirtschaft in ihrem Risikomanagement angemessen berücksichtigen. Und wenn wir an dieser Stelle von den Finanzmarktteilnehmern mehr Bewusstsein fordern, müssen wir diesen Ansprüchen auch selbst gerecht werden. Denn finanzielle Risiken mit Klimabezug k?nnten ebenfalls unsere eigenen Wertpapierbest?nde betreffen.

Zudem müssen wir die wirtschaftlichen Auswirkungen von Klimawandel und Klimapolitik in unsere geldpolitischen Analysen einbeziehen. Und wir unterstützen die ?ffentliche Hand, wenn wir in ihrem Auftrag Gelder verwalten und sie bei der Anlage eine st?rkere Ausrichtung auf Nachhaltigkeit wünscht.

Meine Damen und Herren,

ein Grund für die gestiegenen Erwartungen an Zentralbanken dürfte ihr wirkungsvolles Krisenmanagement gewesen sein. Die Finanzkrise und die Staatsschuldenkrise im Euroraum haben Politik und Notenbanken auf unbekanntes Terrain gezwungen: ?uncharted territory“, wie es im Englischen hei?t. Gut, wenn man da einen Kompass dabeihat.

Leider werden ordnungspolitische Prinzipien gerade in Krisenzeiten nicht selten als Ballast empfunden und über Bord geworfen. ?Not kennt kein Gebot“, hei?t es dann gerne.

3 Wettbewerb und digitale Wirtschaft

über die Krisenma?nahmen und den Ordnungsrahmen der W?hrungsunion habe ich in Freiburg schon mehrfach gesprochen. Deswegen m?chte ich in meiner verbleibenden Redezeit über ein anderes Thema sprechen, auf dem uns der ordnungspolitische Kompass ebenfalls Orientierung geben kann. Ich meine die wirtschaftspolitischen Herausforderungen der Digitalisierung.

Die fünf wertvollsten Unternehmen an den B?rsen der westlichen Welt sind allesamt Digitalkonzerne aus den USA. Zusammen bringen sie etwa 4? Billionen Euro auf die Waage. Heute war in der Presse zu lesen, dass der Gewichtigste von ihnen allein so viel wert ist wie alle 30 Unternehmen im Deutschen Aktienindex zusammen.

Die damit verbundene Machtballung h?tte Walter Eucken gewiss Sorgen bereitet. In einem seiner letzten Vortr?ge, in London kurz vor seinem frühen Tod, adressierte er das ?Problem der wirtschaftlichen Macht“.[4] Er schildert darin eindrücklich die schlechten Erfahrungen mit Kartellen, Monopolen und Syndikaten in Deutschland.

Walter Eucken suchte nach einer menschenwürdigen und funktionsf?higen Wirtschaftsordnung und fand als beste L?sung die Wettbewerbsordnung. Sie vermag materiellen Wohlstand und individuelle Freiheit zugleich zu sichern – eben weil sie verhindert, dass zu viel Macht in die H?nde einzelner gelangt.

Eucken und seine Mitstreiter wussten aber auch, dass Wettbewerb kein Selbstl?ufer ist. Vielmehr muss der Staat die Spielregeln des Wettbewerbs festlegen und darauf achten, dass sie auch eingehalten werden. In den laufenden Wirtschaftsprozess eingreifen sollte der Staat hingegen nur im Ausnahmefall.

Technischer Fortschritt, etwa im Zuge der Digitalisierung, kann zweifellos den Wettbewerb f?rdern. Und das w?re auch im Sinne Walter Euckens, wie Sie, lieber Herr Feld, in einer Studie zu den ordnungspolitischen Herausforderungen der Digitalisierung angemerkt haben.[5] Tats?chlich haben die neuen M?glichkeiten des Internets zu mehr Markttransparenz geführt. Die Verbraucherinnen und Verbraucher k?nnen sich heute mit wenigen Klicks einen Marktüberblick verschaffen.

Gleichzeitig beobachten wir aber auch, dass Digitalisierung zu weniger Wettbewerb führen kann. Gerade sogenannte Plattformm?rkte neigen eher zur Konzentration.

Eine Plattform verknüpft verschiedene Nutzer oder Nutzergruppen digital miteinander. Dazu geh?ren soziale Netzwerke, aber auch Online-Marktpl?tze, die Anbieter und Nachfrager von Waren oder Dienstleistungen zusammenführen. Für alles M?gliche gibt es heutzutage Plattformen: von Immobilien über Hotelzimmer und gebrauchtes Kinderspielzeug bis hin zur Partnervermittlung.

Wie l?sst sich die Tendenz der Plattformm?rkte zur Konzentration erkl?ren? Zum einen verschafft schiere Gr??e einen Kostenvorteil. Denn der Betrieb einer solchen Plattform ist mit hohen Fixkosten verbunden. Die Mehrkosten durch zus?tzliche Nutzer sind aber sehr gering. Zum anderen spielen Netzwerkeffekte eine zentrale Rolle: Eine Plattform wird umso attraktiver, je mehr Teilnehmer sie hat. Wenn viele oder sogar alle Ihrer Freunde einen bestimmten Messengerdienst nutzen, ist der Anreiz auch für Sie gro?, sich dort anzumelden.

Solche Netzwerkeffekte treten selbst dann auf, wenn die Nutzer der Plattform gar keinen direkten Kontakt miteinander haben. Deshalb vergleicht der ?konom Jean Tirole digitale Plattformen mit Gro?st?dten. Die meisten Bewohner dort kennen sich nicht. Doch alle profitieren davon, dass sich in der Stadt viele Unternehmen ansiedeln und ein reiches Kulturleben geboten wird.[6]

Netzwerkeffekte und Gr??envorteile st?rken also tendenziell die Platzhirsche. Beherrscht ein Unternehmen erstmal seinen Markt, k?nnte es aber seine Stellung ausnutzen. Ein derart dominanter Akteur k?nnte potenziellen Konkurrenten den Zugang zum Markt erschweren und so den Wettbewerb einschr?nken – zum Schaden der Konsumenten.

Entstehung und Missbrauch von Marktmacht sind grunds?tzlich keine neuen Ph?nomene. Neu ist aber die besondere Rolle von Daten. Sie werden gerne als der ?Rohstoff des 21. Jahrhunderts“ bezeichnet. Einerseits trifft das ihre Bedeutung als Grundlage für viele neue Gesch?ftsideen und Dienstleistungen. Andererseits greift es aber auch zu kurz. Denn Rohstoffe gehen in das Produkt ein und müssen dann neu gef?rdert werden. Dagegen k?nnen Daten immer wieder verwendet werden – auch für ganz unterschiedliche Zwecke. Sie k?nnen sogar nützlicher werden, je mehr von ihnen zusammengetragen und verknüpft werden. Denn gro?e Datenmengen lassen Muster und Zusammenh?nge erkennen: ?Big Data“ ist das Stichwort.

Die Kehrseite davon ist, dass wir als Bürger zunehmend gl?sern werden. Ab 300 ?Likes“ kennt Facebook Sie besser als Ihre Freunde und Familie, fanden Forscher der Stanford University schon vor einigen Jahren heraus.[7] Dass die M?glichkeit, Pers?nlichkeitsdaten miteinander zu verknüpfen, Missbrauch Tür und Tor er?ffnet, ist mit dem Cambridge Analytica Skandal vielen bewusst geworden.

Zu den Gewinnern der digitalen ?konomie geh?ren vor allem die Plattformen, die es verstehen, gro?e Datensch?tze anzusammeln und gewinnbringend zu verwerten. Sie nutzen Daten als Hebel, um sich auch auf ganz anderen M?rkten Wettbewerbsvorteile zu verschaffen. Und tats?chlich entwickeln sich die gro?en Plattformunternehmen zu Konglomeraten. Zum Beispiel tummeln sich die sogenannten Big-Tech-Firmen zunehmend im Bereich Finanzdienstleistungen. Politik und Wettbewerbsbeh?rden sind gefordert, um den Wettbewerb im digitalen Zeitalter zu erhalten.

Die Bundesregierung will einen Ordnungsrahmen für die digitale Wirtschaft schaffen. Letzte Woche hat das Wirtschaftsministerium einen Referentenentwurf vorgelegt, um das Gesetz gegen Wettbewerbsbeschr?nkungen zu modernisieren. Ein Kernpunkt ist, die Missbrauchsaufsicht des Bundeskartellamts zu versch?rfen. Vor allem sollen für Plattformunternehmen mit einer überragenden marktübergreifenden Bedeutung künftig strengere Regeln gelten. Zum Beispiel sollen die Wettbewerbshüter künftig eingreifen k?nnen, wenn gro?e Plattformen ihren Nutzern die Mitnahme von Daten zu anderen Anbietern erschweren. Das kann dazu beitragen, die Chancen neuer Wettbewerber zu verbessern und die Hürden für den Markteintritt niedrig zu halten oder zu senken.

Der Zugang von Unternehmen zu Daten wird h?ufig als Dreh- und Angelpunkt für den Wettbewerb gesehen. Dabei ist aus meiner Sicht klar: Der Markt ist für den Menschen da und nicht umgekehrt. Eine Ordnungspolitik für das digitale Zeitalter muss daher den selbstbestimmten Umgang mit pers?nlichen Daten f?rdern und letztlich die Konsumentensouver?nit?t st?rken.

Die Menschen müssen selbst entscheiden k?nnen, wem sie welche ihrer Daten für welche Zwecke und für welchen Zeitraum verfügbar machen.

Mit einem starken Datenschutzrecht allein ist es aber wohl nicht getan. Dank der europ?ischen Datenschutzgrundverordnung werden wir Verbraucher in der Regel zwar gefragt, ob wir der Erhebung, Speicherung und Verarbeitung unserer personenbezogenen Daten zustimmen. Tats?chlich aber dürften viele von uns ihre Einwilligung erkl?ren oder Nutzungsbedingungen akzeptieren, ohne dies zu hinterfragen.

Laut einer Allensbach-Umfrage ist es 73?Prozent der deutschen Nutzer von Internetdiensten zu mühsam, die Nutzungsbedingungen zu lesen. Und das ist paradox: Wir sch?tzen zwar unsere Privatsph?re und Datenschutz, tun aber selbst wenig dafür. Oft erschwert uns die Komplexit?t der Bedingungen, dass wir von unseren Rechten als Betroffene Gebrauch machen. Es fehlt uns Verbrauchern in der Regel auch an M?glichkeiten, mit Internetfirmen alternative Bedingungen zur Datennutzung auszuhandeln.?

Die Expertenkommission ?Wettbewerbsrecht 4.0“ empfiehlt deshalb zu prüfen, wie die Etablierung sogenannter Datentreuh?nder gef?rdert werden kann.[8]?Verbraucher k?nnten diese neuartigen Datenmittler ausw?hlen und beauftragen, um ihre Daten nach ihren Vorgaben Unternehmen bereitzustellen. Dadurch k?men die Pr?ferenzen der Konsumenten zum Datenschutz wohl besser zur Geltung.

Die Datenmittler k?nnten auch aus einer st?rkeren Position heraus mit Internetunternehmen verhandeln und so das Machtgef?lle zwischen den gro?en Plattformanbietern und ihren Nutzern verringern. Auf diese Weise würde die starke Stellung der Verbraucher im Datenschutzrecht in der Praxis wom?glich mit mehr Leben gefüllt als bisher.

Der Ansatz, die Selbstbestimmung der Menschen über ihre Informationen zu st?rken, hat für mich viel Charme.

Datenmittler k?nnten nicht nur dazu beitragen, den Interessen der Verbraucher mehr Geltung zu verschaffen. über sie k?nnte auch kleineren, innovativen Unternehmen Zugang zu gr??eren Datenmengen einger?umt werden. Den Wettbewerb mit den dominierenden Anbietern würde das m?glicherweise beleben.

In der Diskussion über die Chancen gerade europ?ischer Unternehmen sollten wir nicht vergessen, dass es aus ordnungspolitischer Sicht um einen funktionierenden Wettbewerb geht, nicht um Industriepolitik. Und wir sollten auch realistisch bleiben. An der Dominanz der gro?en amerikanischen Digitalkonzerne dürfte sich in absehbarer Zeit wohl kaum etwas Grundlegendes ?ndern.

Der Wettbewerbs?konom und ZEW-Pr?sident Achim Wambach gibt zu bedenken: ?Die Gro?en Fünf – dazu geh?rt nicht viel Hellseherei – werden auch in den n?chsten Jahren die dominanten Kr?fte sein. Die einzigen, die in der Lage w?ren, den Konkurrenzkampf zu beleben, bleiben damit die Wettbewerbsbeh?rden.“[9] Umso wichtiger ist, dass die Wettbewerbshüter wirksame Instrumente an die Hand bekommen.

4 Digitales Zentralbankgeld

Manche sehen aber nicht nur Politik und Kartellbeh?rden gefordert, sondern auch die W?hrungshüter. In den Fokus der ?ffentlichen Diskussion rückt unter anderem die Frage: Sollen Notenbanken digitales Geld für jedermann und jedefrau anbieten?

Mitte vergangenen Jahres schreckte ein Konsortium um Facebook die Finanzwelt auf – mit dem Plan, ein digitales Zahlungsmittel namens Libra einzuführen. Mit weltweit mehr als zwei Milliarden Nutzern in seinem sozialen Netzwerk h?tte Facebook sicherlich die n?tige Reichweite dazu, aus dem Stand heraus zu einem wichtigen Akteur im Zahlungsverkehr zu werden. Insofern k?nnten wir hier ein Beispiel dafür erleben, wie ein Technologieunternehmen seine Stellung in einem Markt als Hebel nutzt, um auf einem anderen Markt Fu? zu fassen.

Viele verstehen Libra als Weckruf: Die Bürger m?chten schnell, bequem, sicher und kostengünstig bezahlen – auch über L?ndergrenzen hinweg. Aber zwischen Wunsch und Wirklichkeit klafft zum Teil eine Lücke, in die neue Anbieter sto?en k?nnen. Doch an wen richtet sich der Weckruf? Was zeigt uns der ordnungspolitische Kompass an?

Es ist Aufgabe staatlicher Beh?rden, für fairen Wettbewerb zu sorgen und sicherzustellen, dass Gesetze und Vorschriften eingehalten werden. Gleiche Risiken müssen auch gleich reguliert werden. Gesch?ftsmodelle dürfen nicht darauf beruhen, dass Vorschriften einfach umgangen werden. Für global einsetzbare Zahlungsmittel gilt das über den nationalen Rahmen hinaus. Deswegen ist das Thema zu Recht auf die Agenda von G7 und G20 gerückt. Ohne internationale Zusammenarbeit k?nnten sich hier Regulierungslücken auftun.

Wenn es aber darum geht, Kundenwünsche zu erfüllen, dann ist das in einer Marktwirtschaft grunds?tzlich die Sache von Unternehmen. Private Anbieter k?nnen die Abwicklung grenzüberschreitender Zahlungen beschleunigen und kostengünstiger gestalten, indem sie bestehende Systeme aufrüsten. Echtzeitzahlungen sollten so nach und nach zum Standard in Europa werden. Weitere neue und komfortable Anwendungen für die Verbraucher k?nnen entstehen.

Darüber hinaus werden im Zuge der Digitalisierung mehr und mehr Prozesse vollst?ndig automatisiert. Ein programmierbares Zahlungsmittel einzubinden, w?re praktisch. Aber auch das k?nnen private Anbieter bewerkstelligen und selbst digitale Wertmarken, sogenannte Token, zu diesem Zweck entwickeln. Hier sind also in erster Linie die Gesch?ftsbanken gefordert, entsprechende Dienstleistungen anzubieten, wenn es einen Markt dafür gibt.

Digitales Zentralbankgeld für die Bürger k?me erst ins Spiel, wenn diese eine digitale Forderung gegenüber der Notenbank erhalten sollen.

Ein solcher Schritt müsste aber wohlüberlegt sein – das gebe ich bereits seit L?ngerem zu bedenken. Dazu geh?rt, die vielf?ltigen Ausgestaltungsm?glichkeiten zu vergleichen und m?gliche Folgewirkungen und Risiken abzusch?tzen. Je nach Ausgestaltung würden die Kunden wom?glich in gro?em Stil von Bankguthaben in digitales Zentralbankgeld umschichten. Das würde l?ngerfristig das Finanzsystem erheblich ver?ndern. Und im Falle einer Bankenkrise k?nnte die Gefahr eines Bank-Runs steigen, wenn sich die Sch?fchen per Mausklick ins Trockene bringen lassen.

Viele Fragen rund um digitales Zentralbankgeld sind noch offen. Die Bundesbank arbeitet intensiv daran, die Vor- und Nachteile, Chancen und Risiken noch besser zu erforschen. Danach k?nnen wir prüfen, welchen Zweck digitales Zentralbankgeld erfüllen kann und ob sich die Risiken beherrschen lassen.?

5 Schluss

Meine Damen und Herren,

ich m?chte nicht zum Schluss kommen, ohne Walter Eucken und seine Mitstreiter noch einmal zu würdigen. Sie waren von der segensreichen Kraft des Wettbewerbs überzeugt. Denn sie haben erkannt, dass wirtschaftliche Macht begrenzt werden muss.

Der damalige Bundespr?sident Gauck hat in seiner Rede zum 60.?Jubil?um des Walter Eucken Instituts betont: ?Eben darum steckt so viel Sprengkraft in der schlichten Grundeinsicht Walter Euckens: Erst die Begrenzung von Macht durch freien, fairen Wettbewerb erm?glicht den Vielen die Teilhabe. Darum ist es so wichtig, dafür zu sorgen, dass Wettbewerb nicht einigen wenigen M?chtigen nutzt, sondern m?glichst vielen Menschen Chancen bietet.“[10]

Es muss insofern beunruhigen, dass laut einer aktuellen Umfrage nur noch jeder achte Deutsche glaubt, von einer wachsenden Wirtschaft profitieren zu k?nnen.

Professor Wambach und der Journalist Hans Christian Müller gehen in ihrem Buch, aus dem ich bereits zitiert habe, der Frage nach, ob Wohlstand für alle im digitalen Zeitalter m?glich ist. Die Antwort lautet: ja! Aber: ?Es kommt darauf an, dass heute die richtigen Leitplanken gesetzt werden, damit sich die M?rkte morgen in die richtigen Bahnen entwickeln k?nnen.“[11]

Wir brauchen eine Ordnungspolitik für das digitale Zeitalter.

Die von Eucken entwickelten Prinzipien der Wettbewerbs-ordnung haben nichts von ihrer Bedeutung verloren, darunter das Primat der W?hrungspolitik, offene M?rkte und Haftung. Sie hochzuhalten hat nichts mit Prinzipienreiterei zu tun. Es geht auch nicht darum, Regeln um der Regeln willen einzuhalten. Es geht um eine funktionsf?hige und menschenwürdige Wirtschaftsordnung.

Ich fühle mich durch die Auszeichnung mit der Walter-Eucken-Medaille sehr geehrt und m?chte mich nochmals dafür bedanken.

Fu?noten:

  1. W. Eucken (1952, 2004), Grunds?tze der Wirtschaftspolitik, 7. Aufl., Tübingen, S. 279.
  2. Eucken, W. (1950, 2001), Die W?hrungspolitik und ihre Konsequenzen, wiederabgedruckt in: W. Eucken, Wirtschaftsmacht und Wirtschaftsordnung, Londoner Vortr?ge zur Wirtschaftspolitik und zwei Beitr?ge zur Antimonopolpolitik, Münster, S. 51-63.
  3. Eucken, W. (1952, 2004), a.a.O., S. 259 f.
  4. Eucken, W. (1950, 2001), Das Problem der wirtschaftlichen Macht, wiederabgedruckt in: W. Eucken, Wirtschaftsmacht und Wirtschaftsordnung, Londoner Vortr?ge zur Wirtschaftspolitik und zwei Beitr?ge zur Antimonopolpolitik, Münster, S. 9-22.
  5. Feld, L. P., A. Doerr, D. Nientiedt und E. A. Koehler (2016), Ordnungspolitische Herausforderungen der Digitalisierung, Konrad-Adenauer-Stiftung, Sankt Augustin/Berlin.
  6. Tirole, J. (2019), Regulating the Disrupters, https://www.project-syndicate.org/onpoint/regulating-the-disrupters-by-jean-tirole-2019-01?barrier=accesspaylog, 9. Januar 2019.
  7. New Stanford research finds computers are better judges of personality than friends and family, https://news.stanford.edu/news/2015/january/personality-computer-knows-011215.html.
  8. Bundesministerium für Wirtschaft und Energie (2019), Ein neuer Wettbewerbsrahmen für die Digitalwirtschaft, Bericht der Kommission Wettbewerbsrecht 4.0, Berlin.
  9. Wambach, A. und H.C. Müller (2018), Digitaler Wohlstand für alle. Ein Update der Sozialen Marktwirtschaft ist m?glich, Frankfurt, New York, S. 51.
  10. Gauck, J. (2014), Rede bei der Festveranstaltung zum 60-j?hrigen Bestehen des Walter Eucken Instituts am 16. Januar 2014 in Freiburg.
  11. Wambach, A. und H.C. Müller (2018), a.a.O., S. 208.