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Blick zurück nach vorn

Blick zurück nach vorn Begrü?ung zur Amtswechselfeier der Hauptverwaltung in Baden-Württemberg

27.09.2019 | Stuttgart | Jens Weidmann EN FR

1?Begrü?ung

Sehr geehrte Frau Ministerin Dr. Eisenmann,
sehr geehrter Herr Dr. V?lter,
lieber Herr Sibold,
liebe Frau Dr. Staab,
sehr verehrte G?ste,

ich begrü?e Sie herzlich zu dieser Feierstunde anl?sslich des Wechsels im Pr?sidentenamt der Hauptverwaltung in Baden-Württemberg. Dass Sie unserer Einladung so zahlreich gefolgt sind, ist ein Ausdruck Ihrer gro?en Wertsch?tzung vor allem gegenüber Herrn Sibold. Es freut mich sehr, dies zu sehen. überrascht bin ich aber nicht, denn ich teile Ihre Wertsch?tzung.

St?rker überrascht haben dürfte Sie das Rap-Duo Kleister. Vermutlich haben Sie bei der Bundesbank einen solchen musikalischen Auftakt nicht erwartet. An dieser Stelle m?chte ich den Musikern für den eindrucksvollen Auftritt danken und nur so viel verraten: Herr Sibold hat Kleister vorgeschlagen und wird uns selbst sp?ter erkl?ren, was es damit auf sich hat. ?Retrospektive“ hie? das Stück eben und gibt mir damit das Stichwort für meine Rede.

2?Werdegang von Bernhard Sibold

Lieber Herr Sibold, eines zeigt Ihre Musikwahl beispielhaft: Bis zum Ende Ihres langen, 39-j?hrigen Berufslebens bei der Bundesbank sind Sie immer offen gewesen für Neuerungen. Aus Bequemlichkeit beim Hergebrachten zu verharren, das war nie Ihre Sache. Vielmehr haben Sie Ver?nderungen stets umsichtig gestaltet, ganz nach dem Motto: Man muss Ver?nderungen zulassen, wenn man Verbesserungen erreichen will.

Den ersten Kontakt mit der Bundesbank hatten Sie bereits als Banklehrling: In den frühen 1970er Jahren trugen Sie sechsstellige D-Mark-Betr?ge von Ihrer Volksbank- zur Bundesbank-Filiale. Heutzutage fühlen sich die Verantwortlichen solcher Transporte zu st?rkeren Sicherheitsvorkehrungen verpflichtet, als das Geld einem sicher sehr sportlichen, aber für diesen Zweck eher unvorbereiteten, jungen Mann anzuvertrauen.

Nach Ihrem Wehrdienst und dem Studium der Betriebswirtschaftslehre an der Universit?t Mannheim begannen Sie dann als Referendar bei der damaligen Landeszentralbank in Bayern. 1993 wechselten Sie nach Stuttgart. Von den 26 Jahren hier waren Sie 14 Jahre lang der Pr?sident der Hauptverwaltung. Als Sie dieses Amt übernahmen, war Gerhard Schr?der noch Bundeskanzler – um das einmal in Relation zu setzen. In der Zentrale der Bundesbank l?ngere Zeit zu arbeiten, das haben Sie Ihr ganzes Berufsleben über erfolgreich vermieden. Wenn man Sie anschaut, dann scheint Ihnen das gut bekommen zu sein.

Bewegt war Ihr Berufsleben auch so genug, schlie?lich haben Sie in der Fl?che drei wesentliche Ver?nderungen miterlebt und auch mitgestaltet. Als 1992 die neuen Bundesl?nder einbezogen wurden, gab es erstmals Landeszentralbanken, deren Zust?ndigkeitsbereich mehrere L?nder umfasste. Gleichzeitig wurde die Anzahl der Landeszentralbanken von elf auf neun reduziert. Bei dieser Konsolidierung waren Sie in Bayern eher Beobachter.

Wesentlich einschneidender für die Bank insgesamt und auch für Sie war die Strukturreform zehn Jahre sp?ter. Sie brachte die notwendige Anpassung in Reaktion auf die Schaffung des Eurosystems. Herr Sibold, Sie waren inzwischen in Stuttgart und trieben hier den Umbau der Bundesbank zu einer modernen und effizienten Organisation voran. Dabei hatten Sie immer auch die Bedürfnisse der Besch?ftigten im Blick.

Weitere zw?lf Jahre sp?ter, im November 2014, wurde die einheitliche europ?ische Aufsicht geschaffen. Als Vertreter der HV-Pr?sidenten waren Sie an den Beratungen des Vorstands über die Umsetzung der neuen Aufsicht in unserer Bank beteiligt und haben auch diese Ver?nderung mit viel Wissen und Urteilskraft mitgestaltet. Heute, nach fast fünf Jahren im neuen Regime, l?sst sich sagen: Es hat sich gelohnt. Die Qualit?t der Aufsicht hat ein neues Niveau erreicht. Und die gemeinsame Aufsicht ist ein wichtiger Baustein der europ?ischen Integration.

Aber Sie haben nicht nur nach innen gewirkt. Ganz im Gegenteil: Sie waren ein überaus engagierter Botschafter der Bundesbank nach au?en, waren Stimme und Gesicht der Bundesbank in Baden-Württemberg. Dabei lag Ihnen besonders der Finanzplatz am Herzen. 2001 starteten Sie für diesen eine neue Veranstaltungsreihe unter dem Titel ?Zu Gast bei der Bundesbank“. Sie bringt mehrmals im Jahr viele Finanzplatzakteure zu dem so wichtigen Austausch zusammen – in Stuttgart und auch an den Filialstandorten. Ihr Engagement für den Finanzplatz als Mitglied des Beirats von Stuttgart Financial wird sicher Herr Dr. V?lter gleich n?her beleuchten.

3 M?gliche Ursachen des verhaltenen Preisauftriebs

Zu Ihren Aufgaben als Botschafter der Bundesbank geh?rte es auch, die Geldpolitik und die Preisentwicklung zu erl?utern. Rückblickend auf Ihre lange Dienstzeit l?sst sich sagen, dass sich die Zeiten enorm gewandelt haben. Als Sie in die Bundesbank eintraten, lag die Inflationsrate nach dem zweiten ?lpreisschock hierzulande über 5?Prozent. In anderen europ?ischen L?ndern war sie noch h?her, in den USA sogar zweistellig. Und der damalige Vorsitzende der Fed, Paul Volcker, machte sich gerade daran, die Inflation in den Griff zu bekommen.

Gegenw?rtig und in der jüngeren Vergangenheit lautet hingegen das Problem: Wir haben nicht zu viel Inflation, sondern erreichen unser selbst gestecktes Ziel nicht aufgrund eines zu geringen binnenwirtschaftlichen Preisdrucks. Seit 2013 stiegen die Verbraucherpreise im Euroraum im Schnitt um 0,9?Prozent pro Jahr. Im Zeitraum von 2014 bis 2016 belief sich die mittlere Teuerungsrate sogar nur auf 0,3?Prozent. Für Sie, die Bürgerinnen und Bürger, stellt dieser verhaltene Preisauftrieb wohl zun?chst kein Problem dar. Sie wundern sich vielleicht über die Notenbanker auf der Suche nach der Inflation und über das gro?e Rad, das sie dabei drehen. Jedoch hat sich der EZB-Rat das Ziel gesetzt, mittelfristig eine Preissteigerungsrate von unter, aber nahe 2?Prozent zu erreichen. Wird dieses Ziel fortdauernd unterschritten, besteht das Risiko, dass die Glaubwürdigkeit unserer Geldpolitik leidet und die Inflationserwartungen sinken. Bei unver?nderten Nominalzinsen steigen dann die Realzinsen, die Wirtschaft wird zus?tzlich belastet, und der Preisdruck k?nnte noch weiter nachlassen. Für mich ist aber wichtig, dass der EZB-Rat die mittelfristige Formulierung seines Politikziels bewusst nicht st?rker konkretisiert hat. Das sollte uns die Flexibilit?t geben, unterschiedliche Wirkungsverz?gerungen zu berücksichtigen und gegebenenfalls auch zu warten, wenn es gute Gründe dafür gibt, dass der Preisauftrieb nur allm?hlich steigt.

In den vergangenen Jahren hat sicherlich der kr?ftige Verfall der Preise für Roh?l und andere Rohstoffe zu den niedrigen Inflationsraten zeitweise beigetragen. Aber auch die Kernrate, also die Teuerungsrate ohne Energie und Nahrungsmittel, war auff?llig ged?mpft. Eine wesentliche Ursache waren die Nachwirkungen der Finanz- und Staatsschuldenkrise.[1]?Die Arbeitslosigkeit im Euroraum gipfelte 2013 bei einer Quote von 12?Prozent. Das d?mpfte die Lohnentwicklung, zumal die besonders betroffenen Volkswirtschaften ihre Wettbewerbsf?higkeit auch über Lohnzurückhaltung verbesserten. Aber nicht nur im Euroraum, auch in anderen entwickelten Volkswirtschaften scheint die Inflation mehr oder weniger verschwunden zu sein: Von der ?missing inflation“ ist die Rede.

über zyklische Ursachen hinaus wirft das die Frage auf, ob sich die zugrunde liegenden Zusammenh?nge und Bestimmungsgründe verschoben haben. Und hier werden immer wieder auch tiefgreifende Ver?nderungen wie Digitalisierung und Globalisierung genannt.

Man muss sich das einmal vorstellen: Als Herr Sibold 1980 bei der Bundesbank in München anfing, gab es dort noch keinen einzigen PC. Damit war die Bank keineswegs rückst?ndig, tats?chlich kam der erste IBM Personalcomputer erst 1981 auf den Markt. Immerhin wurde 1984 dann der erste PC angeschafft, und ein Jahr sp?ter sollte Herr Sibold in einem mehrseitigen Vermerk begründen, warum die Anschaffung eines zweiten PCs für die Landeszentralbank in Bayern sinnvoll sei. Ich darf aus diesem vierseitigen Vermerk zitieren, weil es den Weitblick und die Offenheit gegenüber neuen Technologien sch?n illustriert, die sich Herr Sibold über seine gesamte Laufbahn erhalten hat. Er argumentierte damals wie folgt: ?Die Erfahrungen mit dem im Dezember 1984 aufgestellten PC sind gut. […] Der PC als Arbeitsmittel bietet nicht nur die Chance, bisherige Aufgaben insgesamt besser zu erfüllen, er macht es darüber hinaus m?glich, an Probleme heranzugehen, deren L?sung bisher unrealistisch erschien.

Mittlerweile sind digitale Technologien allgegenw?rtig geworden – im Berufsleben ebenso wie im Privatleben. Und das legt den Verdacht nahe, dass sich dies auf die Preisentwicklung auswirkt, und zwar in vielf?ltiger Weise. Tats?chlich deuten bisherige Forschungen darauf hin, dass der digitale Wandel die Inflation per saldo wohl ged?mpft hat. Der Gesamteffekt wird aber als eher gering eingestuft.[2]?Dahinter stehen mitunter gegenl?ufige Wirkungen über einzelne Kan?le. Zun?chst einmal werden Unternehmen durch digitale Technologien produktiver. Sie k?nnen zu geringeren Kosten produzieren, und dies führt bei funktionierendem Wettbewerb zu niedrigeren Preisen für die Verbraucher. Für mehr Wettbewerb, Margen- und Preisdruck sorgt die h?here Markttransparenz. Denn Verbraucher k?nnen mit wenigen Klicks den gesamten Markt überblicken. Andererseits beobachten wir gerade auf digitalen M?rkten eine Tendenz zu natürlichen Monopolen, die sich aus Netzwerkeffekten ergibt: Je mehr Nutzer eine bestimmte Plattform hat, desto attraktiver wird sie für weitere Nutzer. Es entstehen sogenannte ?Superstar-Unternehmen“, die mit ihrer Marktmacht auch h?here Preise durchsetzen k?nnen.

Neben der Digitalisierung dürfte die Globalisierung den Preisdruck beeinflusst haben. Sie brachte neue Wettbewerber aus den Schwellenl?ndern, und das Welthandelsvolumen hat sich seit 1980 mehr als versiebenfacht. Das wirft die Frage auf, inwieweit traditionelle Zusammenh?nge, beispielsweise der von L?hnen und Preisen, noch Bestand haben. Die Bundesbank ist dieser konkreten Frage in ihrem aktuellen Monatsbericht für Deutschland nachgegangen.[3]

Dabei ist zu beachten, dass h?here L?hne nicht automatisch zu h?heren Preisen führen. Denn Unternehmen k?nnen auf Lohnsteigerungen ganz unterschiedlich reagieren. Eine Anhebung der Preise für den Konsumenten ist nur eine Option. So k?nnten Unternehmen auch eine niedrigere Gewinnmarge hinnehmen oder den Arbeitseinsatz und damit ihre Kosten reduzieren. Um das übliche Verhalten abzusch?tzen, sind ?konometrische Untersuchungen n?tig. Sie kommen zu dem Schluss, dass ein Anstieg der Lohnkosten in Deutschland um 1 Prozent die Verbraucherpreise um rund 0,3?Prozent erh?ht.

Und in der Tat ist diese Weitergabe seit den 1970er Jahren schw?cher geworden. Dazu k?nnten verschiedene Faktoren beigetragen haben, eben auch ein erh?hter Wettbewerbsdruck durch die Globalisierung. Seit der Finanzkrise der Jahre 2007/2008 hat sich die übertragung aber nur noch wenig abgeschw?cht und war zuletzt weitgehend stabil.

Au?erdem zeigen unsere Analysen, dass sich die Weitergabe h?herer L?hne über mehrere Jahre hinziehen kann. Insofern sollte uns die langsame Festigung des Preisauftriebs zurzeit nicht grunds?tzlich überraschen. Eine Studie der EZB zeigt dies ebenfalls für andere gro?e Volkswirtschaften im Euroraum.[4]?Dabei k?nnte die übertragung in einem Umfeld niedriger Inflation sogar noch etwas l?nger dauern als unter gew?hnlichen Umst?nden.

Insgesamt spricht also einiges dafür, dass die Verst?rkung des Lohnwachstums in Deutschland in den vergangenen Jahren ebenso wie zuletzt im Euroraum zu einem allm?hlich steigenden Preisauftrieb beitragen dürfte. Für sich genommen wird das die Inflationsrate wieder st?rker in Einklang mit dem Politikziel des Eurosystems bringen.

4 Konjunktur und Geldpolitik

Allerdings hat die gesamtwirtschaftliche Dynamik seit Anfang 2018 erheblich nachgelassen. Das gilt für Deutschland noch mehr als für unsere Partnerl?nder in der W?hrungsunion. Denn vor allem die globale Investitionskonjunktur und der Welthandel haben an Schwung verloren. Das trifft die exportorientierte Industrie in Deutschland besonders deutlich. Nicht zuletzt die Spannungen in der internationalen Handelspolitik belasten die Weltwirtschaft. Zum einen schr?nken neu eingeführte Z?lle unmittelbar die grenzüberschreitenden Güterstr?me ein. Zum anderen untergraben die Streitigkeiten das Gesch?ftsvertrauen in den Unternehmen. Die anhaltende Unsicherheit wird noch durch weitere politische Risiken versch?rft. So besteht nach wie vor die Gefahr, dass das Vereinigte K?nigreich ohne eine vertragliche Regelung die Europ?ische Union verlassen k?nnte. Und der jüngste Anschlag auf die ?lindustrie in Saudi-Arabien verdeutlicht die Risiken aus schwelenden geopolitischen Konflikten.

Der schleppenden Entwicklung im Auslandsgesch?ft steht die anhaltende Besserung auf dem Arbeitsmarkt im Euroraum gegenüber. So sank die Arbeitslosenquote bis Juli auf 7,5?Prozent und war damit nur noch 0,2?Prozentpunkte von ihrem Tiefstand vor der Krise entfernt. Der fortgesetzte Besch?ftigungsaufbau und die steigenden L?hne stützen das Wachstum des Konsums. Zugleich profitieren private Haushalte und Unternehmen von den weiterhin sehr günstigen Finanzierungsbedingungen.

Vor zwei Wochen korrigierten die Konjunkturexperten der EZB die Projektionen für das Wirtschaftswachstum im Euroraum leicht nach unten. Deshalb rechneten sie damit, dass sich der Preisauftrieb geringfügig langsamer festigen würde, als dies noch vor einiger Zeit erwartet worden war. Eine nachhaltige Rückkehr der Teuerungsrate in den Zielbereich von unter, aber nahe 2?Prozent rückt demnach etwas weiter in die Zukunft.

Der EZB-Rat hat vor diesem Hintergrund die ohnehin sehr expansiv ausgerichtete Geldpolitik erneut gelockert. So wurde unter anderem deutlich gemacht, dass mit einem Zinsanstieg für geraume Zeit nicht zu rechnen sei, und der Einlagesatz wurde nochmals um 10 Basispunkte auf ?0,5?Prozent gesenkt. Angesichts des verschlechterten Inflationsausblicks hielt ich den Zinsschritt für angemessen. Der EZB-Rat beschloss aber ein Paket an Ma?nahmen, das ich in seiner Gesamtheit als zu weitgehend empfand. Dabei sehe ich vor allem die Wiederaufnahme der Nettok?ufe von Wertpapieren kritisch, die auch die Zinsen für langfristige Anleihen noch weiter in den negativen Bereich drücken sollen. Durch den umfangreichen Ankauf von Staatsanleihen droht die Trennlinie zwischen Geldpolitik und Fiskalpolitik zu verschwimmen. Die Disziplinierung der Fiskalpolitik durch die Marktkr?fte wird zunehmend schw?cher, und Anreize zum soliden Haushalten schwinden.

5 Unabh?ngigkeit der Notenbank

Mittlerweile sind die Notenbanken im Euroraum zu den gr??ten Gl?ubigern der Mitgliedstaaten geworden. Die zunehmende Verquickung von Geld- und Fiskalpolitik ist gerade auch im Hinblick auf die Unabh?ngigkeit der Zentralbanken heikel; und manche der Notfallma?nahmen der vergangenen Jahre haben auch politische Begehrlichkeiten geweckt. ?Auslaufmodell unabh?ngige Notenbank“ w?hlte die B?rsenzeitung unl?ngst als überschrift für einen Artikel – wohlgemerkt ohne Fragezeichen.[5]

Lassen Sie uns vor diesem Hintergrund noch ein letztes Mal in die Vergangenheit zurückreisen. Als Herr Sibold seine Laufbahn begann, war eine unabh?ngige Notenbank eher die Ausnahme als die Regel. Doch es hatte sich gerade in den 1970er Jahren – der Zeit der ?Great Inflation“ – gezeigt, dass unabh?ngige Zentralbanken die Inflation besser im Zaum halten k?nnen als politisch gelenkte. Zwar war die Inflation mit durchschnittlich 5 Prozent damals auch in Deutschland recht hoch, aber deutlich niedriger als in anderen Industrienationen – mit Ausnahme der Schweiz, deren Notenbank ebenfalls sehr unabh?ngig war. In den Vereinigten Staaten etwa lag die Teuerung im Schnitt bei 8 Prozent, in Frankreich bei 10 Prozent, in Italien und im Vereinigten K?nigreich bei 14 Prozent. Diese Erfahrung trug auch dazu bei, dass in den beiden folgenden Jahrzehnten viele Notenbanken das Mandat bekamen, für Preisstabilit?t zu sorgen und dazu unabh?ngig gemacht wurden. Denn je mehr Einfluss die Politik auf die Entscheidungen der Notenbank hat, desto gr??er ist die Gefahr, dass die Notenbank Kompromisse zu Lasten der Preisstabilit?t eingeht.

Doch mittlerweile versucht die Politik in etlichen L?ndern immer st?rker, die Geldpolitik zu beeinflussen und für andere Zwecke als die Sicherung der Preisstabilit?t einzuspannen, zum Beispiel indem explizit gefordert wird, Investitionen zum ?kologischen Umbau der Wirtschaft über die Geldpolitik zu finanzieren, oder indem der Modern Monetary Theory mit ihrer fiskalischen Dominanz das Wort geredet wird. Von den Twitter-Tiraden des amerikanischen Pr?sidenten mag ich hier gar nicht sprechen.

Manche meinen offenbar, die Unabh?ngigkeit der Notenbank sei heute überflüssig. Der klassische Konflikt zwischen Preisstabilit?t und anderen Zielen der Wirtschaftspolitik habe an Bedeutung verloren: Geld- und Fiskalpolitik seien heute keine Gegens?tze mehr, beide sollten an einem Strang ziehen, und da müsse sich die Geldpolitik eben der Politik unterordnen. Das Argument verkennt freilich, dass die überschneidung der Interessen nicht von Dauer ist. Sp?testens dann, wenn Preisstabilit?t wiederhergestellt ist, muss die Geldpolitik die autonome Entscheidung treffen k?nnen, ihren Stimulus wieder zurückzufahren. Und es w?re naiv zu glauben, dass die Politik ihren Einfluss auf die Notenbank dann wieder aufgeben oder von sich aus dem Ziel der Preisstabilit?t Vorrang einr?umen würde. Daher bleibt die Unabh?ngigkeit der Geldpolitik mit einem klaren Mandat ein wesentliches Fundament, um Preisstabilit?t auch künftig zu gew?hrleisten.

Vor diesem Hintergrund ist es umso wichtiger, dass Notenbanken ihr Mandat eng auslegen. Denn im Grundsatz ist eine unabh?ngige staatliche Institution ja tats?chlich ein Fremdk?rper in der Demokratie. Eine Ausnahme wird speziell für das Ziel der Preisstabilit?t gemacht. Bei einer weiten Auslegung des Mandats würde die Unabh?ngigkeit über kurz oder lang zu Recht infrage gestellt werden.

6 Schluss

Meine Damen und Herren, lassen Sie mich zum Schluss kommen, aber nicht, ohne Ihnen, lieber Herr Sibold, herzlich zu danken. Wohl alle hier im Raum haben Sie stets als überaus verantwortungsvollen und gleichzeitig passionierten Bundesbanker erlebt. Sie haben die Bundesbank in Baden-Württemberg mit gro?er überzeugungskraft und Ausstrahlung vertreten. Mit Ihrem au?ergew?hnlichen Engagement haben Sie sich hier, aber auch in der ganzen Bundesbank, viel Respekt und Anerkennung erworben. Dabei haben Sie Ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern immer gro?e Wertsch?tzung entgegengebracht. Sie haben ihnen zugeh?rt und zusammen Dinge auf den Weg gebracht. So haben Sie hier in Stuttgart schon lange das Führungsverhalten praktiziert, das mir seit Beginn meiner ersten Amtszeit so wichtig ist und das wir mit unseren Führungsgrunds?tzen in der Bank breit verankert haben. Ich danke Ihnen – auch im Namen des Vorstandes – sehr herzlich für Ihre fast 40 Jahre im Dienste der Bundesbank und des stabilen Geldes. Ihrer Nachfolgerin, Frau Dr. Staab, übergeben Sie eine sehr gut funktionierende Hauptverwaltung mit ihren sechs Filialen. Und Sie hinterlassen ein um die Bundesbank herum fein geknüpftes Netzwerk.

Liebe Frau Dr. Staab, Ihnen wünsche ich gutes Gelingen bei Ihrem Wirken hier in Stuttgart. So aufgeschlossen, kommunikativ und zupackend, wie Sie sind, bringen Sie dafür bereits wichtige pers?nliche Eigenschaften mit. Im Bereich Digitalisierung haben Sie sich einen Namen gemacht. Und in dem Titel Ihres dritten Buches, das Sie gerade zusammen mit dem Zentralbereichsleiter der Bundesbank für Statistik, Herrn Stahl, herausgegeben haben, klingt Ihre zupackende Art auch an. Der Titel lautet n?mlich: ?Don?t worry, be digital“. Eine Einstellung, die uns in der Bundesbank beim digitalen Wandel sicher helfen wird.Lieber Herr Sibold, es f?llt mir schwer, mir die Bundesbank ohne Sie vorzustellen. Aber ich hoffe doch, dass Sie sich ein Leben ohne Bundesbank vorstellen k?nnen. Zum einen werden Sie Ihre analytischen und kommunikativen F?higkeiten weiterhin einbringen, n?mlich als Vorsitzender des Universit?tsrats Tübingen. Zum anderen wurden Sie in der Bundesbank auch als badischer Genie?er und ausgewiesener Weinkenner gesch?tzt. Ihrer Freude an Kunst, Kultur und Kulinarik werden Sie nun mehr Raum geben k?nnen. Lassen Sie mich noch einmal den Bogen zurück zum Musikstück zu Beginn schlagen. Dort hie? es: ?Ja, die Menschen kommen und gehen, ja, die Zeit bleibt niemals stehen. […] Lass mal nicht lamentieren über den Verlust der Zeit. […] Lass uns die blaue Stunde nutzen.“ Die blaue Stunde, die Zeit der D?mmerung, ist eine Phase des übergangs. Ein übergang liegt nun vor Ihnen, lieber Herr Sibold. Und ich wünsche Ihnen, dass es der übergang in einen erfüllten Ruhestand ist.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.


Fu?noten

  1. Ciccarelli, M. und C. Osbat (Hrsg., 2017), Low inflation in the euro area: Causes and consequences, ECB Occasional Paper, Nr. 181.
  2. Ciccarelli, M. und C. Osbat (Hrsg., 2017), a.a.O., Box 3; Charbonneau, K., A. Evans, S. Sarker und L. Suchanek, Digitalization and Inflation: A Review of the Literature, Bank of Canada, Staff Analytical Note, 2017-20.
  3. Deutsche Bundesbank, Zum Einfluss der L?hne auf die Preise in Deutschland: Ergebnisse ausgew?hlter empirischer Analysen, Monatsbericht, September 2019, S. 15-39.
  4. Bobeica, E., M. Ciccarelli und I. Vansteenkiste (2019), The Link between Labor Cost and Price Inflation in the Euro Area, ECB Working Paper, Nr. 2235.
  5. B?rsenzeitung, 24.8.2019.
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