2020 - Europa im Wandel - Neuer Schwung für alte Herausforderungen Jahresempfang der Hauptverwaltung in Hamburg, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein

03.02.2020 | Hamburg | Burkhard Balz

1 Einleitung

Sehr geehrte Damen und Herren,

die US-Zeitung ?Billings Gazette“[1] hat Schülerinnen und Schüler vor 36 Jahren befragt, wie sie sich das Leben im Jahre 2020 vorstellen. Wir sind nun angekommen in der Zukunft! Lassen Sie mich daher an dieser Stelle einige Zukunftsvisionen aus der Befragung zitieren:

  1. "Im Jahr 2020 werden nur ein Drittel der Menschen ausreichend besch?ftigt sein. …es werden haupts?chlich Computer- und High-Tech-Maschinen die Arbeit übernehmen."
  2. ?Vielleicht werden Autos über das komplette Au?enmaterial durch Solarenergie betrieben, was durch die fortschrittliche Technologie zur Hauptenergiequelle wird."
  3. "Die Anzahl medizinischer Einrichtungen wird sich verdoppeln, aufgrund der alternden Bev?lkerung sowie Fortschritten in Kosmetik und Genetik."

Erstaunlich sind diese Antworten deshalb, da in den achtziger Jahren die digitale Revolution noch in der Zukunft lag. Dass der Computer unser Leben grundlegend ver?ndern würde, haben Schülerinnen und Schülern aber wohl bereits geahnt.

Die Antworten zeigen au?erdem, dass wir uns knapp 40 Jahre sp?ter weiterhin mit den gleichen Zukunftsthemen besch?ftigen.

Digitalisierung, Nachhaltigkeit und Demographie: Das sind Megatrends, sogenannte ?Lawinen in Zeitlupe“, die uns schon seit Jahrzehnten begleiten und auch in diesem Jahr besch?ftigen werden.

Das gilt nicht nur bundesbankintern, wenn es um

  • die Digitalisierung von Gesch?ftsabl?ufen geht,
  • die effiziente Nutzung unserer Ressourcen oder aber
  • um die Herausforderungen bei der Rekrutierung von Nachwuchs in einer zunehmend ?lter werdenden Gesellschaft.

Das gilt auch über die Bundesbank hinaus. Denn die Auswirkungen der Megatrends besch?ftigen uns weltweit.

In diesem Jahr ist bereits einiger Schwung in viele auch für die Bundesbank relevante Debatten um die Megatrends gekommen.

Unsere besondere Aufmerksamkeit gilt der überprüfung der geldpolitischen Strategie, mit der potentiell wichtige Weichen für die künftige Politik des Eurosystems gestellt werden.

Bevor ich hierauf eingehe, lassen sie mich einen Blick auf die konjunkturelle Lage werfen.

2 Konjunktur

Die Weltwirtschaft hat im vergangenen Jahr deutlich an Schwung verloren.

Der Handelsstreit zwischen den Vereinigten Staaten und China hat den Welthandel durch neue Z?lle belastet. Weltweit ist die Unsicherheit durch die handelspolitischen Auseinandersetzungen gestiegen.

Dies dürfte die Investitionst?tigkeit und damit die globale Konjunktur beeintr?chtigt haben. Darunter hat vor allem die exportorientierte Industrie in Deutschland gelitten.

Dem gegenüber stand in Deutschland eine robuste Inlandsnachfrage, die nicht zuletzt von der guten Lage am Arbeitsmarkt profitiert hat. Rückenwind für die gesamte deutsche Wirtschaft kommt von steigenden Staatsausgaben und der sehr expansiven Geldpolitik.

Im Ergebnis ist die deutsche Wirtschaft nach vorl?ufigen Sch?tzungen des Statistischen Bundesamtes im Jahr 2019 nur um 0,6 Prozent gewachsen.

Es gibt jedoch erste vorsichtige Anzeichen für eine Stabilisierung in der Industrie. Hierzu z?hlen bessere Gesch?fts- und Exporterwartungen, ein stabiler Auftragseingang der Industrieunternehmen, wenn auch auf niedrigem Niveau, und merklich gestiegene Warenausfuhren.

Für dieses Jahr erwarten unsere Experten (kalenderbereinigt) ein ?hnlich schwaches Wirtschaftswachstum wie in 2019. Es k?nnte jedoch in den Jahren 2021 und 2022 auf Raten von knapp 1,5 Prozent zulegen.

Voraussetzung ist allerdings, dass die Auslandsnachfrage zunimmt und die Binnennachfrage lebhaft bleibt.

Die Entwicklung des Exportgesch?fts wird wesentlich davon abh?ngen, wie sich das internationale Umfeld entwickelt. Hier bestehen erhebliche Risiken fort.

  • Der Konflikt im Mittleren Osten hat gleich zu Beginn des Jahres deutlich gemacht, dass die geopolitische Unsicherheit gro? bleibt.?
  • Darüber hinaus ist die Gefahr von steigendem Protektionismus nicht gebannt. Erste Verhandlungserfolge bezüglich der Handelsbeziehungen zwischen China und den USA dürften eine weitere Versch?rfung des Streits vorl?ufig abgewendet haben. Allerdings finden auch im laufenden Jahr weitere Verhandlungen über Handelsabkommen statt, deren Erfolg ungewiss ist. Neue Z?lle sind deshalb nicht ausgeschlossen.
  • Und auch mit Blick auf die Unw?gbarkeiten bei der Ausgestaltung der künftigen Wirtschaftsbeziehungen zwischen dem Vereinigten K?nigreich und der EU kann noch keine Entwarnung gegeben werden.

3 Geldpolitik

Aufgrund einer eher verhaltenen Konjunktur ist der Preisauftrieb im Euroraum derzeit ged?mpft und dürfte sich auch nur allm?hlich festigen.

Die Experten des Eurosystems rechnen mit einem Anstieg der Inflationsrate von 1,1 Prozent in diesem Jahr auf 1,6 Prozent bis zum Jahre 2022. Die Richtung stimmt also.

Die Unterstützung des Preisauftriebs durch eine expansive Geldpolitik bleibt wichtig. Der EZB-Rat hat im September vergangenen Jahres ein sehr umfassendes Paket zur weiteren Lockerung beschlossen.

Dazu geh?ren auch die Nettok?ufe von Wertpapieren, die das Eurosystem Ende letzten Jahres wiederaufgenommen hat.

Dass die Bundesbank gerade den Ankauf von Staatsanleihen kritisch sieht, dürfte vielen von Ihnen bekannt sein.

Durch den Ankauf sind die Zentralbanken des Eurosystems die gr??ten Gl?ubiger der Staaten des Eurogebiets geworden. Es besteht die Gefahr, dass die Trennlinie zwischen Geldpolitik und Fiskalpolitik verwischt werden k?nnte.

Zudem birgt das langanhaltende Niedrigzinsumfeld auch Risiken für die Finanzstabilit?t, die nicht ignoriert werden dürfen.

Die Bundesbank hat in ihrem jüngsten Finanzstabilit?tsbericht für Deutschland darauf hingewiesen.[2]

über Jahre andauernde Niedrigzinsen und die in den vergangenen Jahren gute konjunkturelle Entwicklung bergen die Gefahr, dass Kreditrisiken systematisch untersch?tzt und Kreditsicherheiten systematisch übersch?tzt werden.

Dabei muss aber auch klar sein: Das Niedrigzinsumfeld ist nicht allein der Geldpolitik geschuldet. Zahlreiche Studien zeigen, dass die realen Zinsen in den Industriel?ndern in den vergangenen Jahrzehnten trendm??ig gesunken sind.

Diese Entwicklung k?nnte auch für die Strategie der Geldpolitik von Bedeutung sein. Mittlerweile hat der EZB-Rat eine überprüfung seiner geldpolitischen Strategie offiziell angesto?en.

Die letzte Revision fand vor 17 Jahren statt. Es ist mithin an der Zeit, die Erfahrungen aus der Finanzkrise und der jüngeren Vergangenheit zusammenzutragen.

Schon jetzt aber steht fest, dass die Sicherung von Preisstabilit?t auch in Zukunft das vorrangige Ziel der europ?ischen Geldpolitik sein wird. Denn das ist in den Europ?ischen Vertr?gen so verankert.

Diese klare Orientierung gilt auch und gerade dann, wenn Antworten auf die Herausforderungen von Megatrends wie ?Nachhaltigkeit“ und ?Digitalisierung“ gefunden werden müssen.

3.1 Nachhaltigkeit

Es ist unbestritten: Zentralbanken müssen die Auswirkungen des Klimawandels auf die Wirtschaft in den Blick nehmen. Denn sie k?nnen für die Geldpolitik relevant werden.

?fter auftretende extreme Wetterereignisse k?nnen beispielsweise Einfluss auf die Schwankungen von Inflationsraten und das wirtschaftliche Wachstum haben.

Darüber hinaus k?nnten im Zuge des Klimawandels oder des übergangs zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft Risiken im Finanzsystem entstehen. Diese Risiken müssen die Zentralbanken kennen, einsch?tzen und regulieren k?nnen.

Heraushalten sollten sich Zentralbanken aber aus der aktiven Klimapolitik. Eine Geldpolitik, die explizit umweltpolitische Ziele verfolgt, l?uft Gefahr, sich zu übernehmen.

Die Bundesbank kann aber eine begleitende Rolle spielen, ohne dabei ihr Kernmandat aus dem Blick zu verlieren:

  • Zum Beispiel, indem wir die ?ffentliche Hand dabei unterstützen, Verm?gen nachhaltig anzulegen.
  • Oder indem wir auf europ?ischer und internationaler Ebene mit darüber beraten, wie der Beitrag des Finanzsystems zu den Zielen des Pariser Klimaabkommens gest?rkt werden kann.

3.2 Digitalisierung

Internationale Zusammenarbeit ist auch gefragt, wenn es darum geht, die Auswirkungen der Digitalisierung auf die Finanzm?rkte zu verstehen und zu regulieren.?

Vor allem die Ankündigung von Facebook, mit Libra ein eigenes digitales Zahlungsmittel einzuführen, hat für Wirbel auf den Finanzm?rkten gesorgt.

Die Vorstellung, dass digitales Geld aus privater Hand bald weltweit eingesetzt wird hat auch folgende Frage aufgeworfen: Sollten Zentralbanken in Zukunft eigenes digitales Geld an die Bürgerinnen und Bürger ausgeben?

Was einfach klingt, sollte wohlüberlegt sein. Denn ein solcher Schritt k?nnte erhebliche Risiken bergen, etwa für die Finanzstabilit?t.

Derzeit arbeiten wir im Eurosystem daran, die positiven und negativen Seiten von digitalem Zentralbankgeld besser zu verstehen. Erst danach k?nnen wir entscheiden, ob es wirklich gebraucht wird und ob sich die damit verbundenen Risiken beherrschen lassen.

Die Diskussion um digitales Geld hat auch verdeutlicht, dass wir die traditionellen Zahlungsverkehrssysteme in Deutschland und Europa weiterentwickeln müssen. Und hier ist nicht nur die Bundesbank gefragt, sondern auch und vor allem die Kreditwirtschaft.

Digitales Bezahlen am heimischen Computer oder mit dem Smartphone an jedem beliebigen Ort der Welt nimmt stetig zu.

BigTechs, wie Alibaba, Google oder Amazon ist es gelungen, auf die Wünsche ihrer Kunden nach mehr Bequemlichkeit bei der Zahlung ihrer Online-Eink?ufe zu reagieren. Stück für Stück haben sie digitale Zahlungsdienste in ihre Plattformen integriert.

Die Marktmacht dieser Internetplattformen w?chst, denn sie profitieren von Netzwerk-, Skalen- und Verbundeffekten. Am Ende k?nnte es hei?en: ?The winner takes it all“. ?

Für Kunden weltweit k?nnte das bedeuten, bei der Abwicklung ihrer Zahlungen von wenigen oder gar einem einzigen Internetkonzern abh?ngig zu werden.

Seit geraumer Zeit werbe ich daher in der Privatwirtschaft und Politik dafür, eine gemeinsame europ?ische Alternative für den Zahlungsverkehr zu entwickeln. Ganz im Sinne der Erhaltung eines fairen und offenen Wettbewerbs.

Wir haben in Europa viele erfolgreiche nationale Bezahlverfahren, die allerdings bisher nicht europaweit einsetzbar sind. Auch fehlen uns europ?ische Angebote für das bequeme Zahlen im Internet.

Eine europ?ische L?sung für den Zahlungsverkehr ist meines Erachtens ein wesentlicher Bestandteil des europ?ischen Binnenmarktes.

Und sie verspricht, im globalen Wettbewerb der Zahlungsverkehrsdienste erfolgreicher zu sein, als es die nationalen Zahlungsl?sungen jemals sein k?nnen.

2020 ist ein wichtiges Jahr, um die Weichen für eine europ?ische L?sung im Zahlungsverkehr zu stellen. Ich sehe gute Ans?tze sowohl in der deutschen Finanzindustrie als auch auf europ?ischer Ebene. Alles in allem bin ich zuversichtlich, dass wir schon dieses Jahr Fortschritte erzielen werden.

4 Beitrag der Hauptverwaltung

Meine Damen und Herren,

Auch wenn Themen des internationalen Zahlungsverkehrs derzeit die Medien dominieren, dürfen wir nicht übersehen, dass die meisten Gesch?fte national, wenn nicht sogar regional stattfinden.

Bei allen internationalen Anforderungen, der Euro muss zun?chst einmal tagt?glich vor Ort – auch hier in Hamburg – funktionieren. Dafür sind wir als nationale Zentralbank im Eurosystem auch und vor allem verantwortlich.

Die Hauptverwaltungen der Bundesbank sichern diese regionale Verankerung. über ihre Filialen erfolgt unter anderem die bedarfsgerechte Versorgung mit Bargeld, das sich in Deutschland immer noch gro?er Beliebtheit erfreut[3].

Das Ohr an der regionalen Finanzindustrie und Wirtschaft haben die Hauptverwaltungen zudem über die Bankenaufsicht und die Bonit?tsanalyse.

Und nicht zuletzt sind die Hauptverwaltungen auch ?Sprachrohr“ für die Geldpolitik in ihrer Region.

Um Vertrauen zu gewinnen, dürfen Zentralbanken keine anonymen, abstrakten Institutionen sein.

Unsere oftmals schwer verst?ndlichen Aufgaben und Themen müssen wir ansprechend vermitteln. Denn Vertrauen w?chst nicht zuletzt auch über Verstehen.

Mit ihren ?konomischen Bildungsaktivit?ten für Schulen und Universit?ten sowie über ihre ?ffentlichen Vortragsveranstaltungen geben die Kolleginnen und Kollegen der Hauptverwaltungen der europ?ischen Geldpolitik ein Gesicht.

So haben auch Sie, liebe G?ste, heute beim Neujahrsempfang direkten Kontakt zu uns Zentralbankern. Ich freue mich auf den ganz pers?nlichen Dialog nachher mit Ihnen!

Das Jahr ist Anfang Februar nicht mehr ganz neu! Aber es ist sicherlich nicht zu sp?t, Ihnen für das restliche Jahr viel Erfolg, Gesundheit und Zufriedenheit zu wünschen.

Jahrzehnte vorausschauen - so wie es die Schüler vor 36 Jahren getan haben - m?chte ich jetzt aber nicht mehr.

Fu?noten:

  1. “Here’s the future as you see it”, Billings Gazette vom 24.Oktober 1984.
  2. Deutsche Bundesbank, Finanzstabilit?tsbericht 2019.
  3. Deutsche Bundesbank, Zahlungsverhalten in Deutschland 2017.