?In anderen L?ndern ist Bargeld schon fast vollst?ndig verdr?ngt“ Interview im Mannheimer Morgen

18.01.2020 | Burkhard Balz

Das Gespr?ch mit Burkhard Balz führte?Bettina Eschbacher.

Sie kommen gerade aus China, wie haben Sie dort gezahlt?

Das war eine Herausforderung, weil dort fast nur noch über eine App von Online-Dienstleistern auf dem Smartphone bezahlt wird. Selbst mit Kreditkarte ist es schwierig. Wenn ich meine Kollegen abends einladen wollte, musste ich erst ein Restaurant finden, das noch Kreditkarten akzeptiert. In China wird Bargeld im Grunde nicht mehr gebraucht.

Wie kommt es dazu?

China hat zwei gro?e digitale Bezahldienste: WeChat Pay und Alipay – und die sind absolut dominant. Beide zusammen hatten 2019 erstmalig mehr Gelder in den Wallets als die gro?en chinesischen Banken an Einlagen. WeChat allein hat im Monat Dezember eine Milliarde und 151?Millionen durchschnittliche Nutzer gehabt. Dabei sind die erst vor fünf Jahren mit ihrem Bezahldienst gestartet. WeChat ist eine Plattform mit allen Services, die Sie für den Alltag brauchen. Vom Chatten mit Freunden, über die Reisebuchung bis zum Arzttermin. Das Gesch?ftsmodell solcher Plattformen basiert darauf, dass Sie deren Welt gar nicht mehr verlassen müssen. Deshalb haben die solche Wachstumsraten.

Eine Entwicklung, die auch für Deutschland abzusehen ist?

Das ist eine Dynamik, die auch auf uns Auswirkungen hat. Denn WeChat Pay und Alipay dr?ngen jetzt auch nach Europa. Gerade der deutsche Markt ger?t für die Chinesen besonders in den Fokus.

Hier sto?en sie aber auf zwei US-amerikanische Konkurrenten, hinter denen ebenfalls m?chtige Konzerne und Plattformen stehen.

Genau, Google Pay und Apple Pay haben im vergangenen Jahr erkennbare Anteile am kontaktlosen Zahlungsverkehr über das Smartphone gewonnen. Das zeigt unsere aktuelle Umfrage über Nutzungszahlen, bei Google Pay sind es fünf, bei Apple Pay vier Prozent. Ich bin überzeugt, dass vor allem Apple Pay weiter zulegen wird, weil ja jetzt erst mit den Sparkassen und demn?chst mit den Volks- und Raiffeisenbanken die gro?en Partner einsteigen. Dann kann ein Gro?teil der deutschen Bankkunden Apple Pay nutzen.

Was sind die Vorteile digitaler Bezahldienste?

Sie brauchen nur noch ihr Smartphone, kein Bargeld und keine physische Kreditkarte mehr. Und es ist sicherer: Gestohlenes Bargeld ist weg. Ein gestohlenes Smartphone ist aber nur über die Pin oder den pers?nlichen Fingerabdruck zug?nglich. Und die Bequemlichkeit erkennen die Deutschen jetzt auch, und zwar nicht nur jüngere. Verbraucher k?nnen inzwischen je nach Ausgestaltung Betr?ge bis 25 oder bis 50 Euro kontaktlos, also einfach durch Hinhalten des Handys, bezahlen, das ist schon sehr praktisch für schnelle Eink?ufe.

Aber die Deutschen h?ngen doch noch sehr am Bargeld und hinken anderen L?ndern beim kontaktlosen Zahlungsverkehr hinterher, oder?

Absolut, wir haben nach wie vor hohe Werte bei der Bargeldnutzung. In anderen L?ndern, zum Beispiel Schweden, ist Bargeld schon fast vollst?ndig verdr?ngt. Bargeld hat hierzulande einen hohen Stellenwert, auch historisch durch den Stolz auf die frühere D-Mark. Bargeld bietet Freiheiten, die andere Bezahlweisen nicht haben, vor allem die damit verbundene Anonymit?t. Und es funktioniert auch ohne Strom.

Das hei?t, Sie teilen die Sorge von Datenschützern, dass Anbieter neuer Bezahldienste genau verfolgen k?nnen, was wir wo und wann für wie viel Geld gekauft haben?

Diese Dienstleister und auch Banken bekommen dadurch natürlich eine Vielzahl von zus?tzlichen Daten, die gewisse Rückschlüsse auf den Kunden zulassen. Ich glaube aber, dass wir in Europa im globalen Vergleich den h?chsten Datenschutzstandard haben. Das zeigt auch meine Erfahrung als EU-Parlamentarier. Daran müssen sich auch ausl?ndische Anbieter, die auf dem EU-Markt t?tig sind, halten. Es ist au?erdem wichtig, dass die Kunden ein Bewusstsein dafür entwickeln, welche Daten sie beim digitalen Bezahlen offenbaren und für welche Zwecke sie ihre Zustimmung zur Datennutzung geben. Letztlich sollten wir Europ?er selbst eine digitale Alternative im Zahlungsverkehr entwickeln.

Sie h?tten also gerne einen Bezahldienst namens ?Euro Pay“ oder ?Europe Pay“?

Für Namen sind wir als Zentralbank nicht zust?ndig, aber wir pl?dieren dafür, dass Europa eine eigene europ?ische Marke kreiert. Wir haben in den einzelnen L?ndern gute Angebote, das müsste auf europ?ischer Ebene zusammengeführt werden. Eine solche Initiative muss von den privaten Kreditinstituten ausgehen, aber Zentralbanken k?nnten eine Moderatorenrolle übernehmen. Für mich ist ganz wesentlich, dass europ?ische Verbraucher im digitalen Zahlungsverkehr künftig nicht nur zwischen US-amerikanischen und chinesischen Anbietern w?hlen k?nnen.

Bei all diesen Entwicklungen – wie lange werden wir noch Bargeld in Deutschland nutzen?

In Deutschland wird es noch lange Bargeld geben. Bargeldloses Zahlen wird sicher weiter zunehmen, aber Bargeld ist immer noch ein wesentliches Stück individueller Freiheit.

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