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?Der EZB-Rat ist übers Ziel hinausgeschossen.“

?Der EZB-Rat ist übers Ziel hinausgeschossen.“ Interview in der BILD-Zeitung

14.09.2019 | Jens Weidmann EN FR

Das Gespr?ch mit Jens Weidmann führte Kai Weise.

Neue Anleihek?ufe und noch h?here Strafzinsen für Banken. Halten auch Sie das für n?tig?

Die Konjunktur hat sich abgekühlt – vor allem in Deutschland, aber auch sonst im Euroraum. Deshalb wird eine etwas geringere Inflation erwartet. Der EZB-Rat hat nun ein sehr umfangreiches Paket beschlossen, um die Geldpolitik abermals zu lockern. Aus meiner Sicht ist er damit aber über das Ziel hinausgeschossen. Denn die wirtschaftliche Lage ist nicht wirklich schlecht, die L?hne steigen deutlich, und die Gefahr einer Deflation, also dauerhaft sinkender Preise und L?hne, ist nicht zu erkennen.

Was bedeutet das jetzt für Sparer und Immobilienk?ufer?

Eine expansivere Geldpolitik kurbelt die Wirtschaft an. Sie unterstützt den Besch?ftigungsaufbau und das Lohnwachstum. Dadurch festigt sich der Preisauftrieb schneller. Ein so weitreichendes Paket w?re aber hierfür nicht n?tig gewesen. Für die Bev?lkerung hei?t das: Wer bauen will, bekommt vielleicht günstigere Kredite. Sparer dagegen sind schlechter dran. Sie k?nnen aber auf andere Weise profitieren, etwa durch einen sichereren Arbeitsplatz. Ganz allgemein wird es schwerer, für das Alter vorzusorgen, ohne mehr Risiko einzugehen. Das spüren Pensionsfonds und Lebensversicherer besonders.

Müssen wir alle ?Hoffnungen auf h?here Zinsen nun begraben?

Nach dieser Entscheidung ist klar: Die niedrigen Zinsen werden uns noch eine geraume Zeit erhalten bleiben. Für mich ist die Perspektive wichtig, dass die expansive Geldpolitik wieder zurückgefahren wird, sobald es der Inflationsausblick zul?sst. Der EZB-Rat hat sich mit den jüngsten Beschlüssen aber lange gebunden. Ich werde mich jedenfalls dafür einsetzen, dass Zinserh?hungen nicht unn?tig auf die lange Bank geschoben werden.

Hat die Geldpolitik der EZB seit Ende der Finanzkrise Europa mehr genutzt oder mehr geschadet?

Die entschlossene Reaktion der Geldpolitik auf die Finanzkrise war richtig, sie hat Schlimmeres verhindert. Auch angesichts des darauf folgenden Wirtschaftseinbruchs im Euroraum war eine expansive Geldpolitik grunds?tzlich angemessen. Dabei war mir aber immer wichtig, dass die Geldpolitik nicht ins Schlepptau der Finanzpolitik ger?t. Denn das gef?hrdet unsere F?higkeit, für stabile Preise zu sorgen. Mit dem Beschluss, noch mehr Staatsanleihen zu kaufen, ist dieses Risiko gestiegen, und es wird für die EZB immer schwerer, aus dieser Politik auszusteigen. Und klar ist auch: Die Nebenwirkungen und Finanzstabilit?tsrisiken der sehr expansiven Geldpolitik nehmen zu, je l?nger sie dauert.??

Sie kritisieren seit Langem die Geldpolitik der EZB – aber h?rt bei der EZB niemand Sie, sind Sie Draghi egal?

Ich habe vor allem den Kauf von Staatsanleihen immer kritisch gesehen, weil er die Trennlinie zwischen Geld- und Fiskalpolitik verwischen kann. Deshalb haben wir im EZB-Rat – auch auf mein Dr?ngen hin – klare Grenzen dafür eingezogen. Meinen Bedenken wurde also Rechnung getragen. Durch die neuen K?ufe werden diese Grenzen aber absehbar in Frage gestellt. Ich bin mit meiner kritischen Haltung übrigens nicht allein. Mario Draghi hat ja auf das geteilte Meinungsbild im EZB-Rat hingewiesen.

Gehen mit dem Nullszins unsere Sparkultur und das Vertrauen in unser Wirtschaftssystem verloren?

Stimmt, die Sparer werden durch die Geldpolitik aktuell belastet. Etwas für sp?ter zurückzulegen und vorzusorgen, bleibt aber auch bei niedrigen Zinsen sinnvoll. Und die Menschen sparen ja auch weiterhin. Aber ich gebe Ihnen recht: Bei der Wahl ihrer Mittel sollte eine staatliche Institution wie die Notenbank darauf achten, dass das, was sie tut, die Menschen nicht zutiefst verunsichert. Dazu geh?rt auch, dass die Menschen sich darauf verlassen k?nnen, dass das Geld seinen Wert beh?lt, die Notenbank also ihr Ziel der Preisstabilit?t verfolgt.

? Alle Rechte vorbehalten. BILD.

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